Monatsrückblick Juni 2023: Wenn Midsummer-Night-Dreams wahr werden

Der Juni 2023 hat Mittsommernachtsträume wahr gemacht: Am längsten Tag des Jahres habe ich einen Arbeitsvertrag unterschrieben: Normalvertrag (NV) Bühne, so heißen die Verträge am Theater. Ab der Spielzeit 2023/24 arbeite ich wieder als Dramaturgin. Und das Beste ist: ich werde am Landestheater Tübingen engagiert, meiner Wahlheimat. Yay! Und auch ein zweiter Traum wurde wahr: Ich habe dank Judith Peters, Sympatexter, endlich eine Webseite mit meinem eigenen Blog eingerichtet. Im Juni habe ich auch meine zweite DÜF-Dozentur angetreten und darf damit meiner Lehrtätigkeit noch ein Krönchen aufsetzen, bevor ich den akademischen Universitätsbetrieb verlasse.

NV-Bühne-Vertrag unterschrieben: endlich wieder Theaterdramaturgin!

Jetzt kann ich es ja zugeben. Seit meiner Rückkehr aus den USA im Jahr 2019 wollte ich wieder ans Theater und zurück in die Dramaturgie. Als ich im Mai 2023 seit langem wieder eine Premiere besuchte, war mir klar: Ich will wieder an der Konzeption von Spielplänen, Inszenierungen und an künstlerischen Co-Kreationen beteiligt sein. Hell ya.

Dieser beruflichen Grundsatzentscheidung ging ein langer Entscheidungsprozess voraus, der sich über Monate, eigentlich Jahre hinzog. Im Januar war mir eine begehrte Postdoc-Stelle an einer großen europäischen Universität angeboten worden. Damit hatte ich (in meinem Alter) nicht mehr gerechnet und auch schon (etwas zu) lange auf eine Möglichkeit gewartet, meine akademische Karriere fortzusetzen. Jetzt gab es tatsächlich diese Option, doch damit trat der Konflikt zwischen meiner akademischen und künstlerischen Identität erst richtig hervor. Meine Zweifel mehrten sich. Mir wurde immer mehr bewusst, dass die universitären Strukturen und das akademische Schreiben meine schöpferische Energie ausbremst und meinen Kopf mit analytischen und theoretischen Gedanken an- und ausfüllt und dann kein Platz mehr für mein eigenes Schreiben bleibt: für meine eigenen Geschichten, meinen Blog, meine persönlichen Reflexionen über Bücher, Theater und den Schreibprozess. Nein. Ich hatte mir einmal das Versprechen gegeben, dass mein Schreiben nicht unter der akademischen Karriere leiden dürfe. Und da saß ich nun in der Stabi Berlin und recherchierte für das Forschungsthema in Spe, annotierte Studien, anstatt an meinem Roman zu arbeiten. Außerdem wurde mir klar, dass ich (ungelogen!) hunderte Bücher würde lesen und zitieren müssen, um noch mehr Wissen zu meinem Forschungsthema zu schaffen – Wissen schaf(f)t eben, und dann würde ich viele Artikel und ein Buch darüber schreiben müssen (wie „dürfen“ fühlte es sich wirklich nicht an). Noch so eine große wissenschaftliche Arbeit wie meine Dissertation, durch die ich mich, ehrlich gesagt, mehrere Sommer lang hindurch gequält hatte. Selbst beim summa cum laude hinterher war keine richtige Freude mehr aufgekommen. Und als ich mir dann noch vorstellte, in Archiven herumzusitzen und kaum mit Menschen zu interagieren, da spätestens wusste ich: das kann ich nicht. Nein: Das will ich nicht. Ich brauche das Team, die Community und die co-kreativen Prozesse. Und dann schickte ich eine Bewerbung los und – wurde gleich eingeladen. Zwei lange und gute Gespräche später erhielt ich den Zuschlag.

Es hat mich viele Nerven gekostet, die gut dotierte und begehrte Forschungsstelle schließlich abzulehnen. Doch danach war ich unendlich erleichtert. Denn es war eine Entscheidung für meine Work-Writing-Balance. Ich gestand mir endlich ein, dass mein Schreib-Raum geistige Freiheit braucht und sich in einem größeren schöpferischen Raum wie dem Theater aufgehoben und genährt fühlt, auch wenn ich feste Arbeitszeiten habe und Abend- oder Wochenenddienste. Theater erfordert volles Commitment für das Team, das Ensemble, das Haus, die Stadt und die Region. Doch diese Verbindlichkeit schafft einen klaren Fokus und eine feste Struktur und eröffnet mir gerade dadurch einen neuen weiten Raum, in dem meine Sprache zu Hause ist und widerhallen darf.

Pünktlich zum Mittsommerfest habe ich den Arbeitsvertrag unterschrieben. Ab der Spielzeit 2023/24 werde ich Dramaturgin am Landestheater Württemberg-Hohenzollern Tübingen Reutlingen, kurz: LTT. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr es mich begeistert, wieder Teil des Theater-Tribes zu sein.

Meinen vorgezogenen Einstand gab ich am Premierenwochenende am 23./24. Juni. Am Freitag kam eines meiner Lieblingsstücke Endstation Sehnsucht in der genialen Inszenierung von Daniel Foerster heraus. Dramaturgin ist Laura Guhl, der ich bei der anschließenden Premierenfeier persönlich gratulieren durfte. Ich war beeindruckt vom Ensemble, Bühnen- und Kostümbild von Mariam Haas – ein schreiend rosa Tiny House, das von gruseligen Horrorgestalten zu immer wieder neuen klaustrophobischen Schauplätzen zusammengeschoben wird. Besonders rührte mich das Tübinger Publikum, das nach der 3,5 stündigen Vorstellung noch blieb – das frische Freigetränk, das den Theatergänger:innen am Ausgang angeboten wurde, erleichterte das Gespräch. Jung und alt diskutierte angeregt über das Stück und lauschte der begeisterten Dankesrede des Intendanten Thorsten Weckherlin. Dieser gab sich dann am Samstag die Ehre mit der Inszenierung von Kunst, der berühmten Satire von Yasmina Reza. Gespielt wurde auf der Bühne im Hof unter freiem Himmel bei einer lauen Sommerbrise. Es wurde viel gelacht über die drei Charaktere, die über Sinn und Unsinn eines komplett weißen Gemäldes philosophierten, das Freund Serge für 200.000 erworben hatte (ja, richtig: 5 Nullen!). „Ist das Kunst oder kann das weg?“, war hier die Frage und so setzen sich die Drei auseinander und am Ende auf dem Dreiersofa wieder zusammen.

Academia: Gast-Dozentur an der Uni Stuttgart und Vortrag beim Symposium an der Heinrich-Heine-Universität

Am 6. Juni habe ich das Seminar „Zwischen Äquivalenz und Kreativer Untreue – Übersetzungstheorien im Überblick“ begonnen. Das ist bereits meine zweite Gastdozentur, die vom Deutschen Übersetzerfonds (DÜF) aus den Mitteln des Post-Pandemie-Förderprogramms NEUSTART KULTUR der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien finanziert wird. Mit dem Förderprogramm „sollen literarische Übersetzer·innen die Gelegenheit erhalten, ihren Blick auf die Übersetzungskunst in das Lehrangebot deutscher Hochschulen einzubringen“.

Ich fühle mich sehr geehrt, wieder zur DÜF-Gastdozentin an der Universität Stuttgart im Institut für Literaturwissenschaft berufen zu sein und diesmal Übersetzungstheorien mit den engagierten Studierenden zu diskutieren. Es war wieder sehr eindrücklich, wie sehr der Schreibakt und die Übersetzungspraxis zusammenhängen. Viele Autor:innen waren häufig auch als Übersetzer:innen tätig und haben ihre Übersetzungstätigkeit theoretisiert. Übersetzungstheorie ist inzwischen ein wichtiger Bestandteil nicht nur der Vergleichenden Literaturwissenschaft geworden, sondern auch der Postkolonialen Theorie, der Kulturwissenschaften und Gender Studies. Es macht große Freude, die Grundlagentexte von Friedrich Schleiermacher, Walter Benjamin, Jorge Luis Borges, Gayatri Spivak, Homi Bhabha u. a. gemeinsam zu lesen und Übersetzung als Medium des kulturellen Transfer einerseits, aber auch als kritisches Instrument zu betrachten, das auf soziale (Un)Gerechtigkeit in der Sprache verweisen kann.

Vom 31. Mai bis 2. Juni war ich an der Heinrich-Heine-Universität beim internationale Symposium „Translation and the Archive – Performance, Practice, Negotiation“ zu Gast in Düsseldorf. Ich hielt einen Vortrag zum Thema „Reconstructing the Archive of a Polish Shtetl“ am Beispiel von Glenn Kurtz‘ Memoir „3 Minutes in Poland“. Das Foto zeigt mich mit Ana Délia Rogobete in der anschließenden Diskussion:

3 Tage lang Vorträge und Panels und abends – einmal mehr – Theater! Ich hatte die Ehre Esther Dischereit und ihren Übersetzer Iain Galbraith kennenzulernen. Galbraith kannte ich bereits als Übersetzer zahlreicher englischer Theaterstücke, die an deutschen Bühnen zur Deutschsprachigen Erstaufführung kamen. Dischereit hat Klagelieder zum Andenken der Opfer der NSU-Mordserie geschrieben und aus dem Libretto Blumen für Otello vorgelesen. Ausgewählte Hörspielszenen sind auf Deutschlandfunk zu hören. Galbraith las aus seiner Übersetzung ihrer Gedichte. Das Autorin-Übersetzer-Gespann hat mich sehr beeindruckt. Dieser Satz hat mich mich sehr berührt: „in Deutschland gibt es keinen Raum für Trauer, aber wir brauchen einen Raum dafür“. Und Deutschland braucht Autor:innen wie Esther Dischereit, die jenen Raum schaffen und halten.

Zweiter theatralischer Höhepunkt war die Performance von Oxana Chi & Layla Zami: I Step on Air, ein Tanzstück in Erinnerung an May Ayim, die Ghanaisch-​Deutsche Poetin, Aktivistin and Wissenschaftlerin.

Beim Abendessen mit Veranstalterin Dr. Ulrike Pirker (links) und anderen Teilnehmer:innen.

Was im Juni 2023 sonst noch los war

  • Ich habe meinen neuen Führerschein abgeholt und werde im Sommer Auto fahren, bald geht’s landab, landauf im Ländle!
  • Juni-Vorstellungen unserer Co-Übersetzung: Im Mai kam Appropriate / Was sich gehört, ein Südstaaten-Drama von Branden Jacobs-Jenkins, gleich zwei Mal in unserer Co-Übersetzung zur deutschsprachigen Erstaufführung: am E. T. A. Hoffmann Theater in Bamberg und am Theater Freiburg. Auch im Juni liefen noch Vorstellungen. In meinem Instagram-Posting stelle ich das Stück vor:

Premiere: Mein Blog ist online

Seit Juni habe ich endlich eine Webseite und meinen Blog auf WordPress eingerichtet. Dank Judith Peters und ihrem Online-Kurs The Blog Bang kann ich schon nach der vierten Woche Texte im Gutenberg-Editor schreiben und formatieren, Bilder einfügen und Links setzen. Jede Woche habe ich einen Blogbeitrag veröffentlicht und bereits 15 Kommentare erhalten! An Judiths Kommentar-Challenge habe ich auch teilgenommen und eine Woche lang jeden Tag einen neuen Blogbeitrag kommentiert. Dabei habe ich so interessante Expertinnenartikel gelesen. Wow die Blogosphäre bietet unglaublich viel Wissen, Weisheit, Infos, Tipps, Inspiration und die besten Geschichten, die nur das (Frauen)Leben schreiben kann.

Ich freue mich mega über das Interesse an meinen Blogbeiträgen rund ums Thema Schreibmethoden, meinen Schreibprozess, die Heldinnenreise, Übersetzen, Lieblingslektüren und Theater. Kommt vorbei und lasst einen Kommentar da.

Was ich im Juni 2023 gebloggt habe

Worauf ich mich im Juli freue

  • Dank Judith Peters und ihrem genialen Kurs The Blog Bäng erstelle ich im Juli meine Über-Mich- und Starterseite. Dann habe ich endlich meine Autorinnenseite angelegt und eine Heimat für meinen Schreib- und Buchblog, auf dem ich regelmäßig meine Heldinnenreise durch meinen Roman, Schreib- und Buchtipps und meine Arbeit als Dramaturgin und Kulturproduzentin teilen werde.
  • Am 18. Juli schließe ich meine DÜF-Dozentur mit einem Übersetzungsworkshop und Vortrag zu „Diskriminierungskritisch übersetzen – Theorie und Praxis“ ab. Adieu for now, Academia!
  • Es wartet eine Einarbeitungswoche in der Dramaturgie des Landestheaters Tübingen und die Übergabe der Produktionen, die ich in Zukunft dramaturgisch betreue. Das wird spannend und ich kann’s kaum erwarten, bald wieder im Probenraum zu sitzen, Einführungen zu geben und Programmhefte zu entwickeln.
  • Mit dem Sommerferienanfang beginnt dann auch endlich meine Schreibzeit. Mein 300+-seitiger Roman will überarbeitet und fertiggeschrieben werden! Schreibsommer, here I come! Urlaub gibt’s erst, wenn der Roman fertig ist. Dann geht’s ab nach Spanien.

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4 Kommentare

    1. Danke, Silvia, fürs Teilhaben, ja, ein verrückter Monat, der mich wieder in die Festanstellung zurückgebracht hat und ich freue mich so darüber! Schon lustig, weil die meisten ja lieber selbständig sein wollen, aber das war mir zu viel Stress. Alles Liebe aus Tübingen!

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